Kapitel 1 – Am Feuer
Das Feuer knistert, als wollte es Geschichten erzählen.
Funken steigen in den Nachthimmel, tanzen kurz – und verglühen.
Die Kinder sitzen dicht gedrängt auf den Baumstämmen, die Beine angewinkelt, die Gesichter rot von der Wärme. Einer stochert mit einem Stock in der Glut herum.
„Schau mal, das da brennt gar nicht!“, ruft Mia.
Alle blicken hin. Zwischen den leuchtenden Scheiten liegt ein Stück Holz, schwarz an der Rinde, aber ohne Flamme.
„Vielleicht ist es nass“, meint Ben.
„Oder kaputt“, sagt Jona.
„Vielleicht hat’s einfach keine Lust zu brennen“, kichert jemand.
Ich schaue in die Glut.
Das Holz liegt still, fast trotzig, als wollte es sagen: Ich bestimme selbst, wann ich leuchte.
„Warum brennt das nicht, Michael?“, fragt Lea schließlich.
Ihre Stimme ist leise, aber sie trägt weiter als das Knistern.
Ich lege den Stock beiseite, lächle und sage:
„Weißt du… eine alte Freundin von mir, ihr Name ist Liora, hat mir einmal etwas darüber erzählt.“
„Wer ist Liora?“, fragt Ben neugierig.
„Eine, die die Sprache des Feuers kennt“, antworte ich.
„Also so eine Art Feuerflüsterin?“, ruft Jona.
Ich nicke.
„So könnte man es sagen. Sie hat mir erzählt, dass jedes Stück Holz eine Geschichte in sich trägt. Manche brennen sofort, andere müssen erst zuhören, bevor sie loslassen.“
„Zuhören? Wem denn?“
„Dem, was war. Und dem, was kommen will.“
Die Kinder werden still.
Nur das Feuer spricht noch – in Zischlauten, Knacken, leisem Atem.
Dann beginne ich zu erzählen.
Kapitel 2 – Die Erinnerung des Holzes
Eine Weile sagt niemand etwas.
Nur das Feuer atmet.
Das Holz, das nicht brennen will, liegt noch immer da – schwarz, rau, unberührt von der Glut.
„Erzähl weiter“, flüstert Lea.
Ich nicke.
„Liora hat mir erzählt, dass jedes Stück Holz ein Herz hat. Nicht so wie wir, mit Blut und Schlägen, sondern ein stilles Herz aus Erinnerung.“
„Erinnerung?“, fragt Ben.
„Ja. Dieses Holz war einmal Teil eines großen Baumes. Es kannte Wind und Regen, den Duft von Moos, das Gewicht eines Vogelnestes. Es stand viele Jahre still und hat alles gehört, was der Wald erzählt hat.“
„Vielleicht will es deshalb nicht brennen“, murmelt Jona.
„Vielleicht“, sage ich. „Manche Dinge können nicht einfach aufhören – sie tragen zu viel in sich.“
Ich sehe in die Glut – und da ist sie, diese leise Regung, wie ein Gedanke, der nicht ganz mir gehört.
Mir scheint, als sehe ich Liora in den Flammen.
Nicht deutlich, nicht mit den Augen – eher wie man eine Erinnerung sieht, die sich selbst erinnert.
Ich fühle, dass es der richtige Moment ist, ihre Weisheit an die Kinder weiterzugeben.
Sie möchte, dass ich erzähle.
Ich spüre: dieses Holz trägt noch Wald in sich – Wind, Vogelrufe, Regentropfen, all das Leben, das einmal durch seine Fasern ging.
Vielleicht hält es deshalb so fest.
Vielleicht ist sein Schweigen kein Trotz, sondern ein Abschied, der Zeit braucht.
Einen Moment lang ist alles still.
Dann sagt eines der Kinder leise:
„Ich glaube, es hat Angst.“
Niemand lacht.
Niemand widerspricht.
Ein anderes Kind rückt näher an das Feuer.
„Dann muss es ja noch nicht brennen“, sagt es.
„Ja“, meint ein drittes.
„Wir sind ja noch da.“
Die Kinder sitzen einfach weiter.
Keiner drängt.
Keiner wartet auf etwas.
Ich sage nichts.
Ich spüre nur, wie sich etwas löst – nicht laut, nicht sichtbar.
Als hätte das Holz zum ersten Mal verstanden,
dass es nicht allein ist.
Manchmal reicht das.
Kapitel 3 – Die Stimme der Glut
Das Feuer brennt weiter.
Aber es ist anders geworden.
Ruhiger.
Das Holz liegt noch immer in der Glut.
Niemand hat es bewegt.
Niemand hat etwas von ihm verlangt.
„Schaut mal“, sagt plötzlich jemand.
„Da… da ist was.“
Alle beugen sich ein Stück vor.
Zwischen der dunklen Rinde und der Glut zeigt sich ein feiner Schimmer.
Kein richtiges Feuer.
Mehr wie ein vorsichtiges Leuchten.
„Das sind Flammen“, flüstert Lea.
„Ganz kleine“, sagt Ben.
„Ob es jetzt die Angst verliert?“, fragt Jona.
Ich antworte nicht sofort.
Ich sehe nur, wie das Glimmen stärker wird –
nicht, weil es soll,
sondern weil es darf.
„Vielleicht“, sage ich schließlich,
„merkt es gerade, dass es nichts mehr festhalten muss.“
Das Holz knackt leise.
Nicht wie ein Brechen.
Eher wie ein Aufatmen.
Die Flammen wachsen langsam, tasten sich vor.
Nicht gierig.
Nicht wild.
Und während die Kinder zuschauen,
verstehen sie etwas, ohne es zu sagen:
Manchmal braucht es Nähe,
damit etwas den Mut findet,
sich zu verwandeln.
Kapitel 4 – Das Licht, das bleibt
Das Feuer brennt noch eine Weile.
Nicht hoch.
Nicht wild.
Das Holz ist inzwischen kaum noch als solches zu erkennen.
Es ist Teil der Glut geworden, Teil des Leuchtens, das den Kreis wärmt.
Keiner sagt etwas darüber.
Manche Dinge müssen nicht benannt werden.
Irgendwann sinken die Flammen in sich zusammen.
Die Kinder rücken näher, ziehen Jacken fester um die Schultern.
Die Nacht ist da, ganz angekommen.
„Ist es jetzt weg?“, fragt jemand leise.
Ich schüttle den Kopf.
„Nein“, sage ich. „Es ist nur woanders.“
Wir sitzen noch eine Weile da.
Die Glut wird schwächer, aber die Wärme bleibt.
Nicht nur im Feuer.
Auch zwischen uns.
Als wir schließlich aufstehen, liegt nur noch Asche im Kreis.
Grau. Still.
Und doch scheint es, als würde sie noch immer leuchten –
nicht mit Licht, sondern mit dem, was geblieben ist.
Auf dem Weg zurück sagt eines der Kinder:
„Es hat doch gebrannt.“
Ein anderes nickt.
„Nur nicht so, wie wir dachten.“
Ich bleibe kurz stehen, schaue zurück in die Dunkelheit
und denke an Liora.
Man bringt Dinge nicht zum Leuchten,
indem man sie anstrahlt –
sondern indem man das Licht in ihnen sichtbar macht.




